News SVDGV fordert "Digital First" in der Primärversorgung

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Während die Digital-Lobby von KI-Ersteinschätzungen und nahtlosen Plattformen träumt, kämpfen Arztpraxen weiter mit Systemabstürzen und unausgegorener Telematik-Infrastruktur.

BVDD

Die Bundesregierung plant mit dem neuen Primärversorgungssystem eine grundlegende Reform der ambulanten Versorgung. Doch während Deutschland Vorbildern wie England oder Dänemark nacheifern will, schlägt der Spitzenverband Digitale Gesundheitsversorgung (SVDGV) Alarm: Ohne eine radikale digitale Transformation droht das System am Hausärztemangel zu scheitern. 

In einem aktuellen Positionspapier fordert der Verband, digitale Lösungen nicht nur als Ergänzung, sondern als zwingende Grundvoraussetzung zu etablieren. Das Ziel: “Digital vor ambulant vor stationär”.

Die Patient Journey 2.0: KI als Türsteher 

Der SVDGV entwirft einen vierstufigen Pfad, der die klassische Hausarzt-Struktur entlasten soll: 

1. Digitaler Erstkontakt: Statt direktem Praxisbesuch steht am Anfang ein digitaler Zugangskanal. Über interoperable Plattformen sollen Patient:innen eine KI-gestützte Ersteinschätzung erhalten, die Dringlichkeit und Fachzuständigkeit sofort klärt. 

2. Hybride Primärversorgung: Ist kein Notfall gegeben, erfolgt die Steuerung in telemedizinische Behandlungen, Videosprechstunden oder asynchrones Telemonitoring via Chat und E-Mail. 

3. Smarte Facharzt-Überweisung: Facharzttermine sollen direkt über digitale Plattformen und E-Überweisungen gebucht werden, um den "Flaschenhals" bei der Weitervermittlung zu eliminieren. 

4. Digitale Fachtherapie: Auch die fachärztliche Behandlung erfolgt hybrid – unterstützt durch Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) und kontinuierliches Remote-Monitoring.


“High-Tech”-Versorgung vs. Realität

In der Debatte um das neue Primärarztsystem prallen zwei Welten aufeinander: Auf der einen Seite steht der SVDGV mit der Hochglanz-Vision einer KI-gestützten, hocheffizienten “Digital Journey”, auf der anderen Seite die ärztliche Basis, die regelmäßig von Systemausfällen und unausgereiften Telematik-Infrastrukturen berichtet und vor Entpersönlichung und staatlicher Überwachung warnt.

Die Realität sei geprägt von Ausfällen und Fehlfunktionen: 95 % Ausfallsicherheit bedeuten faktisch eine Stunde Stillstand pro Tag – in einer Arztpraxis untragbar. Zudem steigen die Kosten, während der gefühlte Nutzen kaum mehr vorhanden ist - immerhin müssen die Systeme ja anwendungssicher erlernt werden, und zwar vom gesamten Praxis-Team.

Digitale Planwirtschaft statt Heilerfolge: Wenn die Theorie die Praxis ignoriert

Während der SVDGV in seinem Positionspapier die Infrastruktur für das 21. Jahrhundert skizziert, prallt diese Vision in den Praxen weiterhin ungebremst auf die harte Realität einer unreifen Digitalisierung. Es ist bezeichnend, dass die konkrete Rolle der Behandler:innen bei der operativen Umsetzung dieser Mammutaufgabe auf den sieben Seiten des Papiers kaum Erwähnung findet. 

Diese Leerstelle nährt den Verdacht der ärztlichen Basis, dass die Telematik-Infrastruktur weniger der Entlastung, sondern primär der lückenlosen Datensammlung dient. Somit bleibt das Primärarztsystem eine riskante Wette auf eine Zukunft, die in der Gegenwart noch nicht funktioniert.

ssey/bvdd