Die Dermatologie ist ein Vorreiter in der Anwendung digitaler Lösungen. Das 13. Symposium “New Ideas for Medicine - NIM”, veranstaltet von der Klinik für Dermatologie und Allergologie der Technischen Universität München in Zusammenarbeit mit Digital Dermatology e.V. und der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft (DDG), bot auch 2025 wieder interessante Einblicke.
Teil 2 der Berichterstattung beschäftigt sich mit den Sessions, welche die Entwicklung digitaler Lösungen in Zusammenhang mit kritischen Fragen bringt: Wie vermeiden wir die Verstärkung von Ungleichheit durch KI? Und wie nutzen wir digitale Tools, um nicht nur die Haut, sondern auch die Psyche chronisch Kranker zu therapieren?
1. Jenseits von Fitzpatrick: Der Kampf gegen den KI-Bias
Session: Beyond Fitzpatrick - Individualisierung der Hauttypbestimmung bei Hauterkrankungen, Paul Ulrich, Klinik für Dermatologie und Allergologie, Universität Regensburg
Die traditionelle Fitzpatrick-Skala zur Hauttypbestimmung ist für die globale Hautfarbendiversität unzureichend und verzerrt die Datengrundlage für KI.
Das Problem der Ungleichheit (Health Gap):
- Falsche Diagnose: Dermatosen auf dunkler Haut werden signifikant seltener korrekt diagnostiziert – vor allem, weil dunkle Haut in Ausbildungsmaterialien und Bilddatenbanken massiv unterrepräsentiert ist.
- KI-Verzerrung: Künstliche Intelligenz lernt aus diesen verzerrten Daten und reproduziert so den Bias, was zur schlechteren Erkennung von Malignomen auf dunkler Haut führt.
Lösung: Objektive Farbräume und neue Skalen:
- ITA und Lab:* Statt visueller Einschätzung sollten objektive Farbräume wie CIE Lab* und der Individual Typology Angle (ITA) genutzt werden, um Hautfarbe zu messen und zu kategorisieren.
- Monk Skin Tone Scale (2023): Die 10-stufige Monk-Skala wurde explizit entwickelt, um eine bessere Repräsentation dunkler Hauttöne in Technik und KI zu gewährleisten.
2. Personalisierte Pollenprognose: Die App „Polly“ und der EU AI Act
Session: Pollee - erste Erfahrungsberichte zum KI-gestützten Chatbot für Pollenallergiker Markus Berger, Wiener Gesundheitsverbund, Allergiezentrum Wien West, Öster. Informationsdienst
Künstliche Intelligenz (KI) transformiert auch die Allergologie grundlegend. Neue Systeme bieten Pollenallergikern durch personalisierte Vorhersagen und präzisere Diagnostik eine effektive Unterstützung im medizinischen Alltag.Die App “Polly” bietet eine personalisierte Symptomvorhersage für Heuschnupfenpatient:innen. Das Projekt zeigt beispielhaft, welche Rolle Big Data, Regulatorik und Chatbots in der personalisierten Medizin spielen.
Die Technologie ermöglicht einen Paradigmenwechsel: Weg von allgemeinen Pollenflugkalendern, hin zu individueller Präzisionsmedizin und verbessertem Selbstmanagement.
Datenbasis und Personalisierung:
- Fundierte Prognosen: Die Vorhersage basiert auf wissenschaftlichen Pollenprognosen (über 400 Pollenfallen in Europa) und dem individuellen Symptomtagebuch des Nutzers.
- Ziel: Verkürzung der Zeit bis zur Diagnose und Reduzierung der Allergenexposition.
- Klima-Forschung: Über 40 Jahre Zeitreihen-Daten fließen in die Modelle ein, was eine ideal für die Analyse von Klimaeffekten darstellt.
KI und Regulatorik:
- Hochrisikosystem: KI-Systeme in der Medizin wie „Polly“ gelten unter dem EU AI Act als Hochrisikosysteme.
- Anforderungen: Dies stellt strenge Anforderungen an die Qualität der Trainingsdaten, die Transparenz und die Risikoüberwachung.
- Einsatz als Chatbot: Der zugehörige Chatbot arbeitet mit streng kuratierten, intern geprüften Quellen (kein freier Internetzugang), um die Informationssicherheit zu gewährleisten.
3. PowerHappy Pso Project: Die digitale Unterstützung für die Psyche
Session: The PowerHappy Pso Project zur Steigerung der Theraphieadhärenz bei Psoriasis und atopischer Dermatitis, Daria Klimova, Klinik für Dermatologie und Allergologie, TUM Universitätsklinikum
Chronische Hauterkrankungen wie Psoriasis haben signifikante Auswirkungen auf die psychische Gesundheit. Das PowerHappy Pso Project setzt auf Digital Health, um psychologische Unterstützung niedrigschwellig verfügbar zu machen.
Das Konzept der Positiven Psychologie:
- Fokusverschiebung: Das digitale Programm nutzt Übungen aus der Positiven Psychologie, um den Fokus weg von der Krankheit hin zu Ressourcen und positiven Erlebnissen im Alltag zu verschieben.
- Kernübung: Proband:innen in der Interventionsgruppe sollten abends drei positive Erlebnisse des Tages aufschreiben und reflektieren.
- Erste Daten: Bei den Teilnehmenden (aktuell n ≈ 134) wurde eine moderate depressive und ängstliche Symptomatik festgestellt.
- Relevanter Zusammenhang: Es zeigte sich ein starker Zusammenhang zwischen einem schlechter eingeschätzten Hautzustand und niedrigeren positiven Affekten.
Perspektive: Die App als digitale Begleitung:
- Geplante Features: Geplant ist die Erweiterung zu einer App mit täglichen Stimmungs-Check-ins, flexiblen Übungen, Gamification-Elementen und einem moderierten Community-Bereich.
- Ziel: Eine niedrigschwellige, evidenzbasierte psychologische Ergänzung zur dermatologischen Therapie anbieten.
ssey/bvdd
