Die Dermatologie ist ein Vorreiter in der Anwendung digitaler Lösungen. Das 13. Symposium “New Ideas for Medicine - NIM”, veranstaltet von der Klinik für Dermatologie und Allergologie der Technischen Universität München in Zusammenarbeit mit Digital Dermatology e.V. und der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft (DDG), bot auch 2025 wieder interessante Einblicke, die von der Sicherstellung der Versorgung in ländlichen Regionen über KI-gestützte Frühdiagnosen bis hin zur effizienteren Wundversorgung reichten.
1. Ganzkörperscanner sichern dermatologische Versorgung auf dem Land (SmartRegioDerm)
Session: SmartRegioDerm und VitiligoVision zur frühzeitigen Diagnostik bei Vitiligo, bullösem Pemphigoid und Hauttumoren, Enya Müller, Klinik für Dermatologie und Allergologie, TUM Universitätsklinikum
SmartRegioDerm und VitiligoVision sind Initiativen, die sich auf die frühzeitige Diagnose von Hauterkrankungen, insbesondere Vitiligo, konzentrieren. Ein Modellprojekt in einer unterversorgten bayerischen Region (Gemeinde Ried) evaluiert den Einsatz von Ganzkörperscannern zur Hautkrebsfrüherkennung und allgemeinen Diagnostik.
Das Konzept:
- Standortnah: Der Scanner ist direkt in der Gemeinde platziert.
- Niedrigschwellig: Alle Bürger ab 18 Jahren können das Angebot nutzen, auch ohne konkrete Beschwerden.
- Teledermatologische Befundung: Die Aufnahmen werden von geschultem Personal erstellt und asynchron an die Uniklinik (TU München) übermittelt und dort befundet.
- Vorteil: Im Gegensatz zur punktuellen Untersuchung wird eine vollständige Übersicht über die gesamte Haut der Proband:innen gewonnen.
Erste Ergebnisse und Akzeptanz (Zwischenstand nach 300 Proband:innen):
- Hoher Bedarf: Die mittlere Symptomdauer bei Proband:innen mit Beschwerden lag bei über 50 Monaten – ein Indikator für lange Wartezeiten oder fehlenden Zugang.
- Nutzungslücke: 67,9 % der Teilnehmer:innen nutzten zuvor nicht das reguläre Hautkrebsscreening.
- Relevante Befunde: Dritthäufigster Befund war der Verdacht auf Hautkrebs; in rund 22 % der Fälle wurde eine dermatologische Vorstellung empfohlen.
- Hohe Akzeptanz: Über 65 % der Nutzer:innen sahen keine Schwächen im Angebot.
- Herausforderungen: Anliegen betrafen primär den Datenschutz und die Speicherung der sensiblen Ganzkörperaufnahmen.
2. KI-Früherkennung für schwere Dermatosen: Der Vision Transformer bei HS
Session: Künstliche Intelligenz zur Verkürzung der Diagnosestellung bei Akne inversa, Madeleine Bull, Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie, TUM Universitätsklinikum
Die Diagnose der Hidradenitis suppurativa (HS), einer chronischen, entzündlichen Hauterkrankung, wird oft verzögert. Hier setzt ein KI-Modell auf Basis des Vision Transformer (ViT) an, um die Früherkennung zu unterstützen.
Wie die KI arbeitet:
- Modellwahl: Der Vision Transformer zerlegt Bilder in kleine Segmente (Patches) und bewertet sie im Kontext des Gesamtbildes. Das ist ein Vorteil gegenüber älteren neuronalen Netzen, da so lokale Details und komplexe Muster gleichzeitig erfasst werden.
- Ziel: Frühe Diagnoseunterstützung, insbesondere für nicht-dermatologische Praxen.
- Trainingsdaten: Als Grundlage dienten standardisierte, professionelle klinische Fotos sowie Kontrollbilder von Differentialdiagnosen und gesunder Haut.
- Leistung: Das KI-Modell erzielte bei der Unterscheidung von HS, HS-ähnlichen Erkrankungen und gesunder Haut eine Genauigkeit von 89,2 %.
3. Effiziente Versorgung: Teledermatologie im stationären Konsildienst
Session: Digital Care bei chronisch entzündlichen Hauterkrankungen, Felix von Krogh, Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie, Universität Leipzig
Teledermatologische Ansätze optimieren auch interne klinische Prozesse. Das Universitätsklinikum Leipzig nutzt Telederm-Konsile, um den Versorgungsalltag effizienter zu gestalten.
Vorteile und Formate:
- Problem: Physische Konsile auf anderen Stationen sind zeitaufwändig, da die Dermatolog:innen oft weite Wege zurücklegen müssen.
- Hybride Lösung: Ein Assistenzarzt kann den Patienten synchron per Video sehen, während Bilder und Falldaten asynchron an den Oberarzt zur Befundung weitergeleitet werden. Dies spart Zeit und optimiert die fachärztliche Expertise.
- Akzeptanz: Synchrone Telederm-Sprechstunden werden von Patient:innen gut angenommen, allerdings stellt die Bild- und Verbindungsqualität eine Herausforderung dar.
4. Wundversorgung 4.0: Digitale Unterstützung für chronische Wunden
Session: Künstliche Intelligenz und Augmented Reality im Wundmanagement - Potenziale für eine individualisierte Versorgung Oliver Kapferer, TiCare Innovations GmbH, Österreich
Chronische Wunden stellen ein massives Versorgungsproblem dar - nicht nur in Deutschland. In Österreich hat ein neues Projekt sich dieses Problems angenommen, welches Laien als zentrale Versorger etablieren will. Ein Großteil der Versorgung erfolgt nicht durch medizinisches Fachpersonal, sondern durch Angehörige – eine oft unterschätzte, jedoch zentrale Zielgruppe.
Augmented Reality soll nicht nur Pflegepersonal unterstützen, sondern explizit auch Laien befähigen, evidenzbasierte Wundversorgung durchzuführen. Die Grundlage bildet ein AR-gestütztes Brillensystem, das visuelle Anleitungen zur korrekten Durchführung von Pflegeschritten liefert und gleichzeitig eine standardisierte, KI-gestützte Wunddokumentation ermöglicht.
Das Tool „"Care Trusted Service":
- Mobile-first: Als mobile Anwendung konzipiert, da Pflegekräfte im Alltag mit Tablets oder Smartphones arbeiten.
- Funktionen: Wunddokumentation (inkl. Foto und 3D-Skizze).
- KI-gestützt: KI-Algorithmen unterstützen die Analyse von Wundgröße, -verlauf und -klassifikation.
- Evidenzbasierte Behandlung: Das Tool unterstützt die Pflegekräfte bei der leitliniengerechten Diagnostik und Behandlung.
- Potenzial: Modellrechnungen zeigen, dass eine moderne, evidenzbasierte Wundversorgung die Kosten um bis zu 75 % senken könnte.
Der zweite Teil dieses Berichts zu den Themen KI-Bias, Personalisierung und das digitale Patienten-MindsetTeil folgt in Kürze.
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