Das Spannungsfeld könnte kaum größer sein: Während Experten über intelligente Badezimmerspiegel und KI-gestützte Diagnostik debattieren, scheitert die Vernetzung zwischen Haus- und Fachärzten an der bürokratischen Realität. Das 5. Symposium Digitale Dermatologie des BVDD lieferte eine ungeschönte Bestandsaufnahme der digitalen Medizin.
Die Veranstaltung machte deutlich: Die Technologie ist bereit, doch strukturelle Hürden, fehlende Anreize und eine fragmentierte Anbieterlandschaft bremsen die Versorgung aus.
KI als Disruption: Vertrauen bleibt der Faktor Mensch
PD Dr. Peter Bobbert (BÄK) eröffnete mit einer klaren These: KI ist keine Evolution, sondern eine disruptive Revolution, die die Medizin in drei bis fünf Jahren fundamental verändern wird.
- Die Formel der Zukunft: Aktuell gilt noch „KI plus Arzt schlägt KI allein“. Künftig werden Diagnostik und Bildanalyse weitgehend automatisiert ablaufen.
- Empathie-Simulation: Bobbert warnte vor KI, die Empathie täuschend echt simuliert. Das ärztliche Alleinstellungsmerkmal bleibe das „Vertrauen“, das nur zwischen Menschen existieren kann.
- Digitale Souveränität: Um nicht zwischen den KI-Großmächten USA und China zerrieben zu werden, müsse Europa eine eigene, ethisch fundierte KI-Infrastruktur aufbauen.
Der Markt: US-Milliarden gegen deutsche Bürokratie
Prof. Dr. Alexander Zink (TU München) zeichnete das Bild eines ungleichen globalen Wettbewerbs. Während Tech-Giganten mit Lifestyle-Produkten in den Gesundheitsmarkt drängen, kämpfen deutsche Start-ups mit dem "Tal des Todes" der Zulassung.
- Smart Home als Klinik: Die Vision ist das „intelligente Badezimmer“. Spiegel scannen die Haut, Toiletten analysieren den Urin, Wearables messen Vitalwerte – der Arztbesuch findet zunehmend zu Hause statt.
- Finanzielle Diskrepanz: Das wertvollste US-Dermatologie-Startup wird mit 1,4 Milliarden Dollar bewertet. Deutsche Pendants rangieren weit abgeschlagen im Bereich von wenigen Millionen.
- Hürden: Lange Zulassungszyklen und fehlende Strukturen für klinische Studien in Kliniken schrecken Investoren ab.
Versorgungsforschung: Potenzial ohne Evidenz?
Prof. Dr. Matthias Augustin (UKE Hamburg) betonte, dass etwa 80 % der dermatologischen Fälle digital lösbar wären. Doch die wissenschaftliche Absicherung hinkt hinterher.
- Evidenzlücke: Für die meisten Patienten-Apps und digitalen Anwendungen fehlen publizierte randomisierte kontrollierte Studien (RCTs).
- Erfolgsbeispiel Justizvollzug: In über 70 JVAs funktioniert die telemedizinische Versorgung bereits hervorragend und sichert Qualität.
- Forderung: Es braucht eine „voll digitale Praxis“ ohne Medienbrüche zwischen Patienten-App, KI und Praxis-Software.
Der „Hausarzt-Flop“: Warum Vernetzung scheitert
Den wohl ernüchterndsten Beitrag lieferte Carmen Gaa (AOK Baden-Württemberg). Das Projekt “Telescan”, gedacht zur Vernetzung von Haus- und Hautärzten, scheiterte grandios an der Praxisrealität.
- Die Zahlen: Trotz hoher Vergütung (20 Euro pro Fall für Haus- und Hautarzt) wurden in vier Jahren nur ca. 660 Konsile durchgeführt.
- Der Vergleich: Das Direct-to-Patient-Modell „OnlineDoctor“, bei dem Patienten direkt Fotos senden, verzeichnete im gleichen Zeitraum über 16.000 Fälle.
- Die Ursache: Hausärzte empfinden den Prozess als zu aufwendig. Sie fordern „Zwei-Klick-Lösungen“, nutzen das Tool aber selbst bei vollständiger technischer Integration kaum. Gaas bitteres Fazit: Der Umweg über den Hausarzt funktioniert digital nicht, der direkte Weg zum Patienten boomt.
Stationäre Versorgung: Die Klinik der Zukunft
Prof. Dr. Julia Welzel (Klinikum Augsburg) beleuchtete die Rolle der Kliniken, die zunehmend unter dem Druck der „Ambulantisierung“ stehen.
- Generationenwandel: Kliniken profitieren von einer hohen Dichte an jungen Ärzten („Digital Natives“), was die Implementierung neuer Technologien erleichtert.
- One-Day-Surgery: Die Zukunft liegt in der präoperativen digitalen Bildgebung, die es erlaubt, Patienten nur noch für den Eingriff selbst („One Day“) in die Klinik zu holen.
- Patienten-Steuerung: Virtuelle Pfade sollen Patienten triagieren. Chroniker könnten per App gemonitort werden (Selbstmanagement), statt blockierte Termine in der Ambulanz wahrzunehmen.
Der “Google-Patient” und der wilde Markt
Dr. Ralph von Kiedrowski (BVDD-Präsident) schloss mit einem Selbstversuch: Die Suche nach “Ausschlag und Juckreiz” (nach 20:00 Uhr) liefert eine unüberschaubare Anzahl an Anbietern – von Zava über Teleclinic bis zu Drogeriemärkten.
- Fragmentierung: Der Markt zerfällt in Insellösungen. Patienten stehen vor einer Wahl zwischen reinen Rezept-Versendern, KI-Bots und echten ärztlichen Portalen.
- Rechtliche Bedenken: Der BVDD sieht reine „Store-and-Forward“-Modelle ohne Anbindung an eine physische Praxis kritisch und prüft Verstöße gegen das Fernbehandlungsverbot.
- Hamsterrad Praxis: Die aktuelle Vergütungsstruktur (ca. 17-18 Euro Quartalspauschale) zwingt Praxen zur Massenabfertigung („Hamsterrad“), was kaum Raum für qualitativ hochwertige digitale Medizin lässt.
Fazit & Ausblick
Die Dermatologie steht technologisch in den Startlöchern. KI und Teledermatologie könnten die Versorgung retten, doch die Realität ist geprägt von dysfunktionaler Infrastruktur und Fehlanreizen. Während das Modell “Hausarzt als Filter” digital gescheitert ist, suchen sich Patienten ihren Weg direkt über Apps und Google. Die Herausforderung für die Ärzteschaft wird sein, in diesem “wilden Westen” die Hoheit über den medizinischen Facharztstandard nicht an Tech-Konzerne oder Discounter zu verlieren.
ssey/bvdd
